Ordo Virtutum

„Dann sah ich eine ganz durchsichtige Atmosphäre.

In ihr vernahm ich auf wundersame Weise den unterschiedlichen Klang von Harmonien: Lobgesänge, Klagelieder und den aneifernden Gesang der Himmelskräfte. Und dieser Klang, der wie eine Menge von Stimmen in harmonischem Gesang aus der Höhe ertönte, brachte Folgendes zum Ausdruck....“
(Hildegard von Bingen, Liber SCIVIAS, 13. Vision des 3. Teils)

 

So beginnt die 13. Vision des „Liber Sivias“ (Wisse die Wege) der Hildegard von Bingen. Es ist das letzte Kapitel einer großartigen Vision und wir finden dort den Ur-Ordo neben weiteren Texten, die sie später vertonte.

 

Hildegard von Bingen hat mit ihren visionären Werken und ihren Gesängen eine Art theologisches Gesamtkunstwerk geschrieben, das seinesgleichen sucht und mit dem ORDO VIRTUTUM schuf sie das erste schriftlich uns überlieferte Mysterienspiel Europas. Man ahnt Hildegards Liebe am Gestalten und ihre Ader für dramatische Inszenierungen, wenn sie die Tugendkräfte als Allegorien auftreten und singen lässt: Hildegards Vision einer göttliche Ordnung in Tönen.

 

Allein der Titel: ORDO VIRTUTUM stellt uns heute vor einige Fragen, denn er ist nur ungenau zu übersetzen. Das lateinische Wort „virtus“ wird meistens mit Tugend übersetzt; Hildegard sieht jedoch eine Verwandtschaft zu dem Wort „vis“, womit sie Kraft und Stärke bezeichnet. Und auch das lateinische Wort „Ordo“, wird oft mit „Spiel“ oder „Reigen“ übersetzt, trifft aber damit auch nicht das, worum es Hildegard in ihrem Ordo geht: Ordo – damit werden die Ordensregeln bezeichnet und im ORDO VIRTUTUM handelt es sich dabei um die Ordnungen und die Regeln, nach denen die Welt funktioniert. Die „virtutes“ sind bei Hildegard sowohl göttliche Kräfte wie menschliche Haltungen und wir begegnen ihnen immer wieder in ihrem ganzen schriftlichen Werk.

 

Hildegards Mysterienspiel ORDO VIRTUTUM ist die szenische Umsetzung einer von Hildegards Grundideen: die Himmelskräfte helfen der menschlichen Seele, umwerben sie und wollen sie zur Zusammenarbeit mit Gott gewinnen – eine Zusammenarbeit, die Luzifer verweigert. Doch die Seele lässt sich auf Luzifer, den Teufel (Diabolus) ein. Als sie erkennen muss, dass sie sich mit dieser Entscheidung nur selbst geschadet hat, bittet sie die Himmelskräfte um Hilfe.

 

Die Musik des ORDO VIRTUTUMS findet sich im so genannten „Riesenkodex“ (Wiesbaden) und wurde für diese Inszenierung von Maria Jonas aus dem Original transkribiert. Die Idee unserer Aufführung ist eine visuelle und akustische Zeitreise in die Welt der Musik und Mystik jener fernen und heute wieder so nahen Zeit. Traditionell wird der Teufel von einem Mann dargestellt.

 

In unserer Aufführung übernimmt den darstellerischen Part des Diabolus eine Flötistin, doch gesprochen wird er von der Infelix Anima, der unglücklichen Seele als innerer Monolog. Der Teufel ist der Verwirrer und der Entzweier – das ist das Teuflische und Gefährliche an ihm. Die Virtutes stellen sich ihm: gemeinsam – aber auch jede einzeln, alleine. Gemeinsam können sie ihm aber widerstehen und sogar überwinden. Diesen Aspekt des ORDO VIRTUTUMS stellen wir in den Mittelpunkt unserer Inszenierung – und vor allem die Frage, die das ganze Stück durchzieht wie ein roter Faden, mit dem das Stück beginnt und endet: Wer seid ihr, Virtutes? Wer bist du, Mensch? Wer bist du, Gott?

 

Die Ordung der Himmelskräfte und der Laster
Im „Liber Vite Meritorum“ (Das Buch: Der Mensch in der Verantwortung) treten die Virtutes (Himmelskräfte) wie in einem Wettstreit gegeneinander an. Die Gegenüberstellung der Himmelskräfte und den dazu gehörigen Lastern, die in den Büchern Hildegards beschrieben werden, bilden die Basis unserer Interpretation und Inszenierung.

 

Humilitas (Demut)<->Superbia (Hochmut)
Karitas (Liebe)<->Invidia (Mißgunst)
Timor Dei (Gottesfurcht)<->lnanis gloria (Ruhmsucht)
Castitas (Keuschheit)<->Luxuria (Wollust)
Innoncentia (Unschuld)<->Kind der Castitas
Contemptus mundi (Weltverachtung)<->Cupiditas (Habsucht)
Misericordia (Barmherzigkeit)<->Obduratio (Herzenshärte)
Victoria (Sieg)<->Ignavia (Feigheit)
Discretio (Unterscheidungskraft,Maß)<->Immoderatio (Maßlosigkeit)
Patiencia (Geduld)<->Ira (Zorn)
Celeste gaudium (Himmlische Freude/Konsonaz )<->Tristitia seculi (Weltschmerz/Dissonanz)
Salvatio animarum (Seelenheil)<->Perditio animarum (Verstocktheit)
Verecundia (Schamhaftigkeit)<->Joculatrix (Vergnügungssucht)

 

 

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Konzept und Gesamtleitung
Maria Jonas
Inszenierung
Ars Choralis Coeln und Ann Christin Rommen
Licht
Rolf Zavelberg (Schwäbisch Gmünd), Carlos Antunes (Cuenca)
Cast
Peregrine • Pilger: Christine Wehler, Petra Koerdt, Cora Schmeiser
Felices Anime • Glückliche Seelen: Christine Wehler, Petra Koerdt
Infelix Anima • Unglückliche Seele: Cora Schmeiser
Diabolus • Teufel: Lucia Mense (Flöten)

Virtutes • Die Himmelskräfte:
Humilitas / Demut • Maria Jonas
Karitas / Nächstenliebe • Amanda Simmons (Harfe)

Disciplina / Disziplin • Amanda Simmons (Harfe)
Timor Dei / Gottesfurcht • Sylvia Dörnemann

Pacientia / Geduld • Sylvia Dörnemann
Spes / Hoffnung • Christine Wehler
Castitas / Keuschhheit • Uta Kirsten
Contemptus Mundi / Weltverachtung • Petra Koerdt
Misericordia / Barmherzigkeit • Simone van den Dool

Innocentia / Unschuld • Simone van den Dool
Victoria / Sieg • Pamela Petsch
Discretio / Mäßigung • Stefanie Brijoux

Scientia Dei / Weisheit Gottes • Stefanie Brijoux

Fides / Treue • Stefanie Brijoux
Amor celestis / Himmlische Liebe • Susanne Ansorg (Fidel)

bisherige Aufführungen
• Styriarte (A): Kloster Lambrecht (Premiere)
• Internationales Kirchenmusifest Schwäbisch Gmünd
• Klosterfestspiele Dahlheim
• Internationaler Sommerkurs Gregorianik Folkwang Universität der Künste, Essen
• Romanische Nacht, Neuss, Quirinius Münster
• Feldkirch (A)
• Musikfestival Passau
• Passionsfestival Plock (Pl)
• Festival de Semana Santa, Cuenca (Sp)
• Theater- und Opernfestival, St. Gallen
• Musik am Dreikönigsschrein, Kölner Dom
• Würzburg
• Stiftskirche Aschaffenburg

• Groß Sankt Martin, Köln

Montalbâne Festival Naumburg